Anmerkungen eines Kleinaktionärs und Hauptversammlungstouristen
In den letzten Wochen schwappte wieder einmal eine kleine mediale Debatte über Vorstandsgehälter durch die Medien: Díe Chefs der ATX-Unternehmen verdienen das 42-fache des Durchschnitts ihrer Angestellten, das Gehalt des Chefs der staatlichen Bahn erhöhte sich um ein Drittel, insgesamt geht die Schere zwischen denen ganz oben und allen anderen immer weiter auf.
Zur Kalmierung gibt Erich Becker, Ex-ÖIAG Vorstand, Ex-VA-Tech-Vorstandschef und Serien-Aufsichtsrat in fast allen Ex-Verstaatlichtenunternehmen ein Interview im „Karrieren-Standard“ vom5.1.08; entspannt und selbstbewusst im Tonfall rückt er die Verhältnisse ins rechte Licht:
- Ob Vorstände das 35fache oder 42fache des Durchschnitts verdienen, dass sei wie Straßenbahnlinien aufzählen. Damit will er nicht sagen, dass man mit der falschen Straßenbahn nicht ans Ziel kommt, sondern dass es schon wurscht ist. Und recht hat er: ob einer nun 1,3Mio oder 1,5Mio verdient ist tatsächlich bedeutungslos: es gibt keine vorstellbare sinnvolle Sache, die sich ein Mensch mit dem einen nicht leisten kann, daher gibt es keinen zusätzlichen Gebrauchswert des höheren Gehalts. Es geht nur noch um den harten Prestige-Konkurrenzkampf in der kleinen Peer-Group der Spitzenmanager. (Und Spitze heißt hier natürlich nicht, dass sie spitze sind, sondern eben dass sie spitze verdienen)
- Vorstandsgehälter ließen sich genauso wenig limitieren wie der Ölpreis. Damit will Becker nicht sagen, dass österreichische Manager ebenso schwer zu ersetzen seien wie Erdöl, sondern auf die ehernen Kräfte des Marktes, also Angebot und Nachfrage verweisen. In meiner bescheidenen Erfahrung ist es nun allerdings so, dass Menschen, die sich auf den Markt berufen, sich vor dessen Kräften sicher wissen. Denn Menschen, die tatsächlich im freien Wettbewerb stehen, zeichnen sich meist durch eine scheue Demut vor dessen Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit aus. Unternehmer z.B., die mit eigenem Kapital Risken eingehen, sind Änderungen von Marktbedingungen, Naturkatastrophen, aber auch persönlichen Risken wie Krankheit schutzlos ausgeliefert. Im prägenden Bild des früheren Kapitalismus rechtfertigte dieses Risiko die außergewöhnlich hohen möglichen Renditen. Aber welches Risiko trägt ein angestellter Vorstandsvorsitzender? Schätzt er den Markt falsch ein und die Gewinne verschwinden, kriegt er dennoch 14mal fürs Bemühen gezahlt; wird er krank sichert ihm das Sozialsystem die volle Gehaltsfortzahlung. Weil inzwischen die angestellten und risikobefreiten Manager die Wirtschaft bestimmen und nicht mehr die Unternehmer, wurde statt Risiko der Begriff der Verantwortung als Begründung außergewöhnlicher Einkommen gewählt. Das ist klug, weil es sich gut anhört und völlig undefinierbar und vor allem unmessbar ist. Hat ein Manager Verantwortung für seine Mitarbeiter? Warum liegt es dann in seiner Verantwortung, in Krisen möglichst viele möglichst schnell und billig zu feuern? Hat er Verantwortung für das Unternehmen? Warum wird ihm dann nicht das Gehalt gestrichen, wenn das Unternehmen siecht? (Was übrigens der legendäre Sanierer von Chrysler in den frühen 80ern, Lee Iaccocca, gemacht hat, und leider nachahmensfrei blieb). Und wie sähe die 42fache Verantwortung einer Krankenschwester oder eines Lokführers aus? Soweit es mich betrifft, vertraue ich mein Leben letzteren an, ersteren grad mal einen Arbeitsplatz oder gar nur ein kleines Investment, also sollten nach der Maßgabe Verantwortung die Einkommensverhältnisse wohl umgedreht werden.
So, aber nun zum eigentlich Punkt, nämlich inwiefern Vorstände und ihre Gehälter den Regeln des Marktes unterworfen sind. Damit ein Markt existiert, müssen sich Käufer und Verkäufer ebenbürtig in einer transparenten Situation gegenüber stehen, richtig? In dem Fall der Gehälter müssten also die Eigentümer der Unternehmen auf einem Markt von Führungskräften frei einkaufen können; um also, wenn ihnen der Preis (=Gehalt) des einen Anbieters zu hoch erscheint, zum nächsten Marktstand zu gehen und billiger einzukaufen. Nun gibt es zwar zweifelsohne Anbieter (jede/r, der gerne Chef ist und das 42fache des Durchschnitts verdienen möchte), aber die Eigentümer, wo sind die? Das entscheidende Problem der spätkapitalistischen Unternehmen ist, dass sie eigentümerlos sind, sie sind in diesem Sinne keine kapitalistische, sondern bürokratische Unternehmen. Das geschah so: die traditionelle Struktur von beherrschenden Familieneigentümern wurde ersetzt durch die vielen Kleinaktionäre. Diese erwarten eine Rendite, wollen und können aber keinen Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen. Die Eigentümer sind also einflusslos, oder, insofern das Aktienrecht als Regelung der Mitbestimmung gesehen wird, entmündigt. In dieser Struktur käme also dem Aufsichtsrat (der die Vorstandsgehälter verhandelt und beschließt) eine bedeutende Funktion als Vertretung der Interessen der Aktionäre zu. Aber nimmt er diese wahr? Dazu muss man sich die personelle Zusammensetzung von Aufsichtsräten und Vorständen ansehen. In Österreich wie anderswo rekrutieren sich beide Gremien aus dem gleichen überschaubaren Personal-Pool. Typischerweise ist der Vorstand des einen Unternehmens der Aufsichtsrat des anderen – vielleicht nicht gleichzeitig, aber sicherlich im Verlauf der Zeit. Ist es also wahrscheinlich, dass ein Aufsichtsrat einem Vorstand, der vielleicht bald der Aufsichtsrat seines Unternehmens sein wird, eine Gehaltserhöhung verwehrt? Tatsächlich hat sich in den Führungsgremien der großen Aktiengesellschaften der spätkapitalistischen Wirtschaften ein Oligopol gebildet, dass ohne Interferenz durch die Eigentümer alle Macht innehat, Exekutive und Kontrolle vereint. Dort, wo größere Aktienpakete vertreten werden, und die Kenntnis und Zeit vorhanden wäre, aktiv zu kontrollieren, handelt es sich aber um Vertreter von Investmentfonds, Versicherungen oder ähnlichem – also wiederum angestellten Verwaltern des Geldes von Kleininvestoren. Die Verwalter sitzen im selben Boot wie die Manager der Unternehmen, in die sie das Geld ihrer Auftraggeber investieren. Das selbe Boot heißt: auch sie rechtfertigen ihre exorbitanten Gehälter mit dem ewig unsinnigen Hinweis darauf, dass andere genauso viel oder mehr verdienen.
Es ist dieser Nicht-Markt, den Becker meint, vor dem er wahrlich keine Angst haben muss: wer einmal drinnen ist, der wird versorgt; statt Konkurrenz gibt es Futtertrog-Garantie; Becker selbst ist ein leuchtendes Beispiel dieser Interessensidentitäten mit seinen nahtlosen Wechseln von Aufsicht in Vorstand und zurück. Wollen wir wetten, dass er jenen, die sein Gehalt bestimmten, ein gutes gegönnt hat? Becker ist damit ein Rädchen des besonderen österreichischen Variante dieses Oligopoly-Spiels, in dem die Grenze zwischen staatlich und privat bis zur Besinnungslosigkeit verwischt wird: durch die Auslagerung des Staatseigentums in eine Holding, die als Scharnier der (Teil-)Privatisierung dieser Unternehmen fungierte und selbst eine quasi-private Struktur darstellte, entschlug sich die Politik der Verantwortung für diese Unternehmen, damit natürlich auch jener für die Vorstandsgehälter. Womit der „Anpassung an den Markt“ bei eben diesen der Weg geebnet war (wobei die Anpassung mitunter eher die Wegbereitung war). Somit vertraten dann die Führungspersonen der ÖIAG in den Unternehmen vor allem auch die Interessen der eigenen Karriereplanung.
Womit der Weg bereitet ist, um zu sagen, dass die Vorstandsgehälter der ATX-Unternehmen natürlich maßlos, ungerechtfertigt und unmoralisch sind, so wie 30%-Steigerungen auch. Nur ist dies kein moralisches Problem – und daher ist auch der Appell an Selbstermahnungen wie etwa in Form der Corporate Governance völlig nutzlos – sondern ein organisatorisches: das Problem ist nicht der Eigennutz der Vorstände, sondern dass dieser nicht durch eine Kontrolle der Aufsichtsräte ausgeglichen wird. Die Aufsichtsräte verletzen systematisch ihre Aufgabe, die Interessen der Eigentümer zu vertreten – aus Eigennutz und weil der auf sie ausgeübte Druck von der Peer Group der Vorstände/Aufsichtsrats-Mispoche stammt. Hier will ich schon hinzufügen, dass ich finde, dass manche Manager einem Unternehmen so viel bringen, dass auch ein Gehalt weit über der Millionengrenze durchaus gerechtfertigt ist. Das Problem ist, dass eine solche Leistung einmal im Jahrzehnt erbracht wird; diese einzigartige Leistung aber zur Rechtfertigung dauerhaft außergewöhnlicher Gehälter einer ganzen Gruppe herangezogen wird. Und nicht bös sein, aber gerade die Führungskräfte im ÖIAG-Umfeld bestätigen die Binsenweisheit von Warren Buffet: investiere nur in Unternehmen, die auch von einem Idioten geführt werden können, weil früher oder später wird ein solcher sie führen.
Die Lösung kann daher nur in der Zerschlagung der Interessensidentität von Aufsichtsrat und Vorstand liegen. Da es unplausibel erscheint, die Bürokratisierung der großen Wirtschaftsunternehmen rückgängig zu machen (also die Macht den Eigentümern zurück zu geben), kann die Lösung daher nur in bürokratischen Kontrollmechanismen liegen. Das heißt, dass der Aufsichtsrat eine gänzlich andere Berufslaufbahn zu sein hat – vergleichbar mit der von Beamten oder Richtern; dass die Tätigkeit von Aufsichtsräten wiederum unabhängig zu kontrollieren ist - etwa wie der Rechnungshof und dass entsprechende Sanktionen festgelegt werden.
Und im übrigen, da die Gehälter sowieso jenseits allen Nutzens sind und nur noch dem Prestigewettpinkeln in der Peer Group dienen, sollte es eine radikale Trennung zwischen nominellem Gehalt und tatsächlicher Auszahlung geben: ab dem 10fachen des Durchschnittseinkommens wird der übersteigende Anteil progressiv einbehalten – z.B. für die Sozialleistungen des Unternehmens (oder wie wär's mit einer neuen Steuerprogressionsstufe: 100% ab 1Mio?). Und weil, wie Herr Becker so originell formuliert, das eh ist wie mit den Straßenbahnlinien, müsste das den Vorständen ja wurscht sein.
2 Kommentare:
mein lieber, das trifft sich sehr gut - auch mir ist dieses interview sehr sauer aufgestoßen, danke für deine ausführungen! manfred.
http://manfredbruckner.blogspot.com/
Tja... viel Text. Ein paar unsortierte Gedanken bei recht weitgehender Zustimmung:
1. Echten Wettbewerb gibt es nur im Bereich der Klein- und Mittelunternehmen, "verantwortliche" Eigentümer ebenso, ziehen wir bitte unsere politischen Konsequenzen daraus, wenn wir Wettbewerb prinzipiell für etwas Positives halten -
2. Es gibt (immer noch) einen Bereich, in dem ein Eigentümer grosser Unternehmen da ist: staatliche Unternehmen. Dieser ist mindestens ebenso bürokratisch, klar, aber lassen wir es verantwortlichen Politikern bitte nicht durchgehen, wenn sie sich über hohe Vorstandsgehälter beschweren, sondern befragen wir sie nach ihrer eigenen Eigentümerverantwortung.
3. und in Ergänzung zu 1.: Summa summarum sehe ich schon lange keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen staatlich/öffentlichen Strukturen und den "privaten" Strukturen grosser Aktiengesellschaften. Beide Strukturen fördern meines Erachtens Duckmäuser- und Durchlawierertum, stehen der Übernahme echter Verantwortung tendentiell entgegen und leisten unwesentliche oder negative Beiträge zu meiner Agenda das 21. Jahrhunderts: Emanzipation des Individuums von allen bevormundenden Strukturen (Staaten, Kirchen, Wirtschaftsbürokratien) - im Grunde das Programm der 68er, aber mit einer wesentlichen lesson learned: gesellschaftliche Emanzipation reicht nicht, wirtschaftliche Emanzipation ist ebenso vonnöten. Die Ablehnung der Freiheitskomponente "wirtschaftliche Freiheit" durch die Linke war zwar gut gemeint aber das Gegenteil von gut.
4. Denken wir daher nicht nur darüber nach, wie wir Wirtschaftsbürokratien besser kontrollieren (= mittelfristige Agenda), sondern auch, wie wir Menschen befähigen, sich Schritt für Schritt freier zu machen von allem wo der Fisch erfahrungsgemäss vom Kopf her stinkt (langfristige Agenda).
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